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„Wenn man nur in einem Wert aus dem Raster fällt, ist man aussortiert.“

Er ist einer der besten Wide Receiver in Europa. Im CrunchTime-Exklusivinterview verrät Christian Bollmann, wie er zu dem wurde, wer er heute ist und warum es 2012 nicht fürs NFL-Team der Detroit Lions gereicht hat.

Christian, Du gehörst zu den besten Wide Receivern in Europa. Was zeichnet einen guten Passempfänger aus?

Christian Bollmann: Die Position des Wide Receivers ist schon sehr speziell – ähnlich der des Stürmers beim Fußball. Es ist so, dass man als Wide Receiver immer im Mittelpunkt steht. Für Catches und Yards wird man gefeiert, bei Fehlern ist man dann schnell der Depp. Kleine Fehler gibt es hier nicht – entweder man fängt den Ball oder eben nicht. Das wird dann sofort von den Mitspielern und den Gegnern entweder gefeiert oder eben bestraft. Daher muss man als Wide Receiver schon ein dickes Fell mitbringen und sehr nervenstark sein. Man muss kleine Fehler schnell vergessen können. Jeder Spielzug ist ein neuer Versuch, da darf man sich nicht von vorherigen Unsicherheiten beeinflussen lassen. Das kann dir im Spiel nämlich das Genick brechen.

US-amerikanischen Wide Receivern wird oft ein narzisstischer Charakter nachgesagt. Ist diese Eigenschaft ein Muss für diese Position?

Ja, da muss ich schon zustimmen. Ein Spieler auf dieser Position sollte mentale Stärke mitbringen und schon den speziellen Siegeswillen haben und den Glauben, seinen Gegner dominieren zu können. Als Wide Receiver muss man sich seiner Verantwortung für den Erfolg des Teams stets bewusst sein und somit mental äußerst belastbar sein.

Du bist einst von der Leichtathletik zum Football gewechselt. Warum der Wandel?

Ich bin damals mit einem guten Freund auf die Idee gekommen, zum Football zu gehen. Das war zu Zeiten, als die Braunschweig Lions schon sehr erfolgreich waren und das mediale Interesse auf sich zogen. Damals war jedes Spiel ein großes Fest – mit Konzerten von Herbert Grönemeyer, Nena und Co. Es war einfach cool anzuschauen und hat riesigen Spaß gemacht. Da wollten wir dabei sein.

Und dann unbedingt auch als Wide Receiver?

Ja, das war mein Traum. Ich habe vorher zwar auch Quarterback gespielt, fand aber die Position des Wide Receivers schon immer cool. Er muss eine besondere Athletik mitbringen, kräftig sein und schnell sprinten können. Da brachte ich durch meine Zeit als Leichtathlet schon gute Voraussetzungen mit. Darüber hinaus gibt es wohl nichts schöneres, als bei einem Spiel im Rampenlicht zu stehen – ähnlich wie der Stürmer beim Fußball.

2012 hast Du dann die ganz große Bühne betreten und wurdest vom NFL-Team der Detroit Lions zum Probetraining eingeladen. Wie kam der Kontakt damals zustande?

Daran kann ich mich noch gut erinnern – ich war damals total überrascht, als plötzlich an einem Sonntag der Anruf aus Detroit kam. Ich wollte ja eigentlich an ein US-College gehen und hatte mich zuvor schon mit selbst erstellten Highlight-Videos beworben. Das hatte ich auch auf YouTube hochgeladen und plötzlich kam ein Anruf aus Detroit. Erst danach erfuhr ich, dass ein ehemaliger Trainer von mir den Kontakt hergestellt hatte. Es war total verrückt, der Anruf kam am Sonntag und es hieß, wir wollen dich Dienstag im Flugzeug haben. Es war total kurzfristig – zumal hier in Deutschland bereits die Saison lief – daher war ich natürlich überhaupt nicht im Combine-Modus, der in den USA ja so wichtig ist.

Wie war dann die weitere Organisation bei Deinem Weg über den „großen Teich“?

Es wurde alles von den Lions organisiert und natürlich auch finanziert. Ich wurde am Flughafen abgeholt und dann direkt ins Krankenhaus zum Medizincheck gefahren. Als das durch war, ging es zur Trainingseinrichtung der Lions, wo ich dann mit zwei anderen College-Wide Receivern aus den USA das Workout hatte.

Wie kann man sich so ein Probetraining vorstellen? Ist es so, wie im alljährlichen NFL-Combine?

Ja, genauso ist es. Man wird komplett auf Herz und Nieren durchgecheckt und es werden sämtliche Körpermaße genommen. Nach der „Vermessung“ ging es zum 40-Yard Sprint, um überhaupt die generellen Zeiten zu sehen. Danach folgten individuelle Workouts und Drills, in denen die Fangfähigkeiten und die Fitness, das Auffassungs- und Umsetzungsvermögen geprüft werden.

Umsetzungsvermögen?

Ja, man schaut, wie gut man das vorgegebene Playbook umsetzt und wie gut man beispielsweise die Routen läuft.

Und zum Schluss findet dann ein Endgespräch mit den Coaches statt?

Nein, überhaupt nicht. Das ganze Probetraining ging etwa eine Stunde und das war es dann. Ein zusammenfassendes Gespräch ist da nicht inbegriffen. Zu den anderen beiden Jungs wurde nur gesagt: Es hat nicht gereicht, danke, dass Ihr da wart. Ich hatte aber noch die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch mit dem damaligen General Manager…

… weil Du aus Deutschland kamst?

Ja genau. Er sagte mir, wie toll er es findet, wie sich der American Football in Europa entwickelt und dass es hier viele Spieler mit Potential gibt. Er sagte auch, dass es eine gute Idee sei, die NFL Europe wieder aufleben zu lassen, das war es aber auch schon.

Mit den Coaches gab es also keine Gespräche über Dein Abschneiden?

Nein, dazu wurde nichts gesagt. Das Einzige, was sie mir gegenüber erwähnten war, dass ich um 0,05 Sekunden zu langsam war. Sie haben ein Din A4-Blatt, das eine schwarze und eine weiße Seite hat und wenn man nur in einem Wert aus dem Raster fällt, ist man halt aussortiert. Leider hat es auch bei mir am Ende nicht gereicht, dennoch war es eine großartige Erfahrung.

Schließlich hast Du Deine Karriere in Deutschland sehr erfolgreich fortgesetzt – Deine Erfolge lesen sich wie in einem Buch: Du bist German Bowl Sieger, Europameister und hast 2003 den Eurobowl geholt. Über welchen Erfolg bist Du besonders stolz?

All diese Erfolge haben etwas Besonderes, weil in jedem sehr viel harte Arbeit, Verzicht und eine Menge Ehrgeiz steckt. Während der ganzen Offseason muss man sehr viel Gewichte heben, viel sprinten und Kondition aufbauen. Während der Saison liegt die Arbeit dann darin, Spielzüge zu wiederholen und zu verinnerlichen. Wenn man dann am Ende einen Erfolg erringt, weiß man, wofür man das alles gemacht hat.

Wie sieht es mit der Verletzungsanfälligkeit aus? Ist der Footballsport wirklich so extrem für den Körper?

Auf jeden Fall. Es kommt aber auch auf die Position an. Die Lineman stehen im wahrsten Sinne des Wortes an vorderster Linie und haben den ständigen Kontakt mit dem Gegenspieler. Bei uns Wide Receivern ist es dagegen so, dass wir beim Kontakt mit dem Gegner meistens im Vollsprint sind. Da wirken ganz andere Kräfte. Zudem wird meist in die Beine getackelt, da passiert schon schnell mal was.

Wie liest sich Deine Verletzungshistorie?

Da kommt schon einiges zusammen. Ich habe mir schon das Schlüsselbein, das Wadenbein und das Schienbein gebrochen. Das wirft einen dann schon weit zurück.

Ist es möglich, sich speziell vorzubereiten, um Verletzungen vorzubeugen? Wie stellst Du Dich auf die Spiele und Deinen Gegner ein?

Prinzipiell ist es wie überall im Sport: Top-Vorbereitung, Warm-Up und Fokussierung ist das wichtigste vor dem Spiel. Überwiegend studiert man seine Gegner vorab über die Filmanalyse – also wie reagiert mein Gegenspieler in verschiedenen Situationen und wo hat er vielleicht Schwächen. Zudem ist es wichtig, den Gameplan des Coaches zu verinnerlichen, um zu sehen, wo man als Offense erfolgreich sein kann und wo sich vielleicht Lücken ergeben.

Wie genau sieht das Training eines Wide Receivers aus?

Wir haben sowohl Team-Trainingseinheiten als auch individuelle Einheiten, in denen viele Bälle gefangen werden und spezifische Drills gemacht werden, um die Routen und das Timing zu verinnerlichen. Diese Abstimmung zwischen Quarterback und Receiver ist das A und O. Daneben trainiert ein Wide Receiver ähnlich wie ein Leichtathlet – also heißt es viel Laufen und Gewichtheben.

Auf dieser Position gehörst Du zu den Besten in Europa. Was kannst Du jungen Spielern mit auf den Weg geben?

Auf jeden Fall Geduld zu haben und das eigene Ziel nie aus den Augen zu verlieren. Aber der Spaß ist das Allerwichtigste. Wenn der wegfallen sollte, würde jegliche Motivation, jegliches Durchhaltevermögen verloren gehen. Man sollte mit kleinen Zielen beginnen und dann ständig daran arbeiten, sich neue Ziele zu setzen. Gerade wenn man beginnt, muss man es zunächst ins Team schaffen, dann regelmäßige Spielzeit sammeln um sich schließlich einen Platz als Starter zu ergattern. Aber auch dann muss man sich jeden Tag neu beweisen – egal ob man neu in ein Team kommt oder schon ein gestandener Spieler ist.