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„Kaum eine andere Sportart verbindet Athletik, Technik und Taktik so sehr wie Football.“

Sie kam vor gut sechs Jahren zum American Football. Seitdem hat sich einiges getan. In dieser Zeit schaffte es Nadine Nurasyid in die Nationalmannschaft und wechselte schließlich zum Coaching Staff der Munich Cowboys.

Frau Nurasyid, 2018 wurden Sie der erste weibliche Coach in der höchsten deutschen Football-Spielklasse. Gibt es inzwischen weitere Frauen im Spielbetrieb?

Nadine Nurasyid: Ja, vermutlich. Wie der aktuelle Stand ist und wie alle GFL Coaching Staffs besetzt sind, weiß ich leider nicht, da der Football wie andere Sportarten auch, aufgrund der Corona Pandemie mehr oder weniger still stand. Fakt ist aber, dass in Deutschland viele kompetente Trainerinnen aktiv sind und den Football vorantreiben.

Sie selbst haben erfolgreich Football gespielt. Dabei gilt der Sport nicht gerade als Frauensport Nummer eins. Wie kamen Sie zum Football?

Das stimmt und daher bin ich auch erst sehr spät darauf gestoßen. Wir sind nach München gezogen und mein Freund hat bei den Munich Cowboys angeheuert. Das war dann auch mein Einstieg in die Sportart. Aus meiner Sicht verbindet kaum eine Sportart Athletik, Technik und Taktik so sehr wie Football. Die Faszination liegt für mich in den verschiedenen Positionen und damit einhergehenden unterschiedlichen Anforderungen, die wiederum durch das Spielsystem beeinflusst werden. Selbstverständlich lernt man in kaum einem Sport aus, aber American Football bietet unendlich viele Möglichkeiten. Und trotz seiner Komplexität misst man sich Play für Play in Eins-gegen-Eins-Situationen.

Wie steht es im Allgemeinen um die deutsche Frauen-Footballszene?

Aktuell gibt es zwei Ligen. Die erste Damen-Bundesliga mit zehn Mannschaften und die zweite Damen-Bundesliga, in welcher 9er Football gespielt wird, mit zirka 20 Mannschaften. Beim Ladies Football denke ich immer an eine großartige, innovative und liebevolle Community. Die Spielerinnen sind unglaublich wissbegierig, weswegen sämtliche Maßnahmen sehr gut angenommen werden. So haben wir, die Munich Cowboys Ladies, 2020 zum dritten Mal in Folge das Ladies Pre Season Camp organisiert. Es ist regelmäßig mit etwa 160 Teilnehmerinnen aus Deutschland, Österreich, Dänemark oder der Schweiz ausgebucht. Auf Bundesebene finden für den Frauenfootball aktuell leider keine Maßnahmen mehr statt. Bei den European Championships 2015 war die letzte Teilnahme der deutschen Nationalmannschaft. International gab es bisher noch einige Veranstaltungen wie die Women’s World Football Games, organisiert von USA Football, die allerdings 2018 in New Orleans zum vorerst letzten Mal stattgefunden haben. Seit letztem Jahr gibt es die Europe Warriors Ladies. Dieses Jahr findet Ende November ein Camp mit abschließendem Spiel in Spanien statt, an welchem ich als DB-Coach teilnehmen werde. Dies ist dann auch mein Debüt für Coaching im Frauenfootball, darauf freue ich mich sehr. Ein großer Meilenstein ist, dass 2021 die erste NAIA Women’s Flag League startet und somit Frauenfootball Einzug in die Colleges findet. Hoffentlich erfährt der Flagfootball dadurch einen weiteren Aufschwung.

In den USA spielen Frauen seit Jahren u.a. in der Legends Football League (früher Lingerie Football League). Was halten Sie von diesem fragwürdigen Konzept?

Puh, schwer zu sagen, da ich diese nicht verfolge. Die Umstände, unter welchen den Frauen das Footballspielen ermöglicht wird, ist sicherlich fragwürdig. Ebenso wie die unzureichende Schutzausrüstung, der Zuschauerwirksamkeit willen. Es steht allerdings außer Frage, dass es sich um großartige Athleten handelt. Schade, dass kaum jemand die professionellen Tackle Ligen, wie die Women’s Professional Football League, kennt. Ausreichend angezogen versteht sich.

Ein solches Konzept wäre in Deutschland wohl kaum umsetzbar, oder etwa doch?

Ich gehe schwer davon aus, dass in Deutschland kein Interesse daran bestünde. Weder auf Spieler- noch auf Fan-Seite. Aber vielleicht wäre die Sponsoren-suche leichter (Vorsicht Sarkasmus!)

Sie trainierten den Zweitligisten Straubing Spiders und arbeiten nun bei den Munich Cowboys. Welche Position haben Sie hier inne?

2018 bin ich als Defensive Backs Coach zum Trainerstab der GFL um Head Coach Garren Holley hinzugestoßen. Seit Anfang 2019 bekleide ich zudem noch die Position der Vizepräsidentin Sport.

Es war zu lesen, dass Sie das Trainingskonzept im Verein komplett umkrempelten. Was hat Ihnen am alten Konzept nicht gefallen?

Prinzipiell habe ich das gesamte sportliche Konzept neu aufgesetzt. Um unsere mittel- und langfristigen sportlichen Ziele erfolgreich umsetzen zu können, war eine Umstrukturierung des Trainings im Seniors Bereich notwendig. Die beiden Seniors Mannschaften hatten bisher recht autonom voneinander gearbeitet und das entspricht weder unserer Vereinsphilosophie noch sportlicher Sinnhaftigkeit. Unsere zweite Mannschaft spielt in der dritten Liga und somit bereits sehr hochklassig, daher ist eine angeglichene Spieltaktik notwendig. So können sich die Trainer gegenseitig aushelfen und die Spieler sind, wenn sie in die GFL aufsteigen, bereits mit dem nötigen technischen und taktischen Rüstzeug ausgestattet. Das erleichtert den Übergang in die GFL natürlich enorm.

„Schade, dass kaum jemand die professionellen Tackle Ligen, wie die Women’s Professional Football League, kennt. Ausreichend angezogen versteht sich.“


Nadine Nurasyid

Was haben Sie konkret geändert?

Wir haben inzwischen klare gemeinsame Zielvorstellungen, deutlich verbesserte interne Kommunikationsstrukturen und fachliche Ausbildung unserer Coaches. Seit diesem Jahr trainieren alle Seniors Spieler zusammen – das sind im Schnitt ca. 100 Mann – und werden von einem großen Coaching Staff angeleitet. So nutzen wir zum einen unsere Ressourcen sinnvoller und zum anderen ermöglichen wir eine effektivere Spielerentwicklung bei professionellerem Trainingsbetrieb. Bei so vielen Spielern ist ein strukturierter und durchdachter Ablauf unerlässlich.

Im Fußballsport ist ein grober Trainingsablauf weitestgehend bekannt: Laufen, Individuell, Trainingsspielchen. Wie läuft das Training bei einem Footballteam ab?

Der Trainingsablauf richtet sich stark danach, in welcher Phase des Jahres wir uns befinden. Eine einfache Trainingsstruktur wäre beispielsweise Folgende: Kurzes Videomeeting – Installation der relevanten oder neuen Spielzüge – gemeinsames Team Warm Up – Arbeiten an individuellen Techniken in den jeweiligen Positionsgruppen – sogenannte Cross Over Periods, wenn beispielsweise DBs und WR ihre eben gelernten Techniken gegeneinander anwenden – 7 on 7 für das Einüben von Routenkonzepten und Coverages, während OL und DL beispielsweise an Inside Run arbeiten – Teamphase mit speziellem Fokus, wie beispielsweise Goalline Situations. Anzahl und Art der Spielzüge ist hier strikt vorgegeben. Nach dem Training werden die Trainingsvideos von den Coaches kommentiert und zeitnah mit den Spielern online geteilt.

Wie bereiten Sie sich auf Spiele und Trainings vor?

Alles beginnt mit dem sogenannten Gegnerscout. Vorherige Spiele des Gegners werden analysiert, daraufhin wird die eigene Taktik festgelegt. Unter Umständen müssen Spielzüge variiert oder neue einstudiert werden. In den Positionsgruppen wird dann an der entsprechenden Technik geschliffen. Gemeinsame Videomeetings sind natürlich auch an der Tagesordnung.

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Wie professionell ist die deutsche Liga? Sind die Strukturen wirklich so amateurhaft, wie man es oft hört?

Das ist so generell nicht zu beantworten. Es gibt punktuell Unterschiede zwischen den Teams der GFL Nord und der GFL Süd. Einen Unterschied macht natürlich immer auch die Sponsorenlage. Manche GFL-Mannschaften sind eine Abteilung eines gemeinnützigen Vereins, wieder andere sind in eine Betriebsgesellschaft ausgegliedert. Je nach Wirtschaftskraft verfügt jedes GFL Team über eine unterschiedliche Anzahl an Import-Spielern und bezahlten Profi Coaches. Manche Mannschaften besitzen eigene Trainingsanlagen. Wir trainieren dagegen auf städtischen Anlagen und sind hier auf zwei Abende in der Woche beschränkt, während andere Teams aufgrund anderer Rahmenbedingungen viermal wöchentlich trainieren können. Die Liga ist dadurch sehr heterogen. Fakt ist, dass es sich bei American Football um einen sehr kosten- und zeitintensiven Sport handelt. So müssen manche Teams unter amateurhaften Rahmenbedingungen einen professionellen Spielbetrieb bestreiten.

Der American Football boomt derzeit vor allem auch durch die Live-Übertragungen der NFL im Free-TV. Wie wirkt sich dieser Boom auf die GFL aus?

Der Verband vermeldet seit 2008 steigende Mitgliederzahlen. Der NFL Boom wirkt sich aus, könnte in manchen Bereichen aber noch stärker für den deutschen Football genutzt werden. Ich persönlich habe den Eindruck, dass der „NFL Boom“ vor allem junge Erwachsene anspricht. Nur wenige bringen aber die sportliche Basis für die GFL mit, außer es handelt sich um athletische Quereinsteiger, die Football nun zur Priorität gemacht haben. Ansonsten profitieren wir eher von unserer ausgezeichneten Jugendarbeit. Ich glaube, dass ich inzwischen aufzeigen konnte, wie zeitaufwendig und komplex American Football und der Spielbetrieb in der GFL ist. Neben allen Vereinsaktivitäten müssen die Spieler ja noch mehrmals wöchentlich ihr Krafttraining absolvieren. Aufgrund dessen unterliegt der Sport im Allgemeinen einer sehr hohen Fluktuation, da dies nicht immer mit Beruf und Familie vereinbar ist. Die NFL Europe war zwar vor meiner Zeit, aber damals boomte der Football in Deutschland meines Wissens nach viel mehr. Im Vergleich dazu fehlt es heutzutage an Infrastruktur, Geldgebern und der nötigen Fanbase. Ich glaube, dass der Boom auch genutzt werden muss, um Fans für die GFL-Teams zu gewinnen. Denn diese Fans haben bereits Erfahrungen mit der Sportart American Football, wohingegen es sehr viel herausfordernder ist, Leute ins Stadion zu bekommen, die die Sportart noch nicht kennen. Studien aus der NFL Europe-Zeit belegen dies.

Wo sehen Sie die wichtigsten Baustellen im Verein und im Verband?

Für uns kann ich sagen, dass wir in Sachen Infrastruktur sowie Spieler- und interner Trainerausbildung bereits viel erarbeitet haben. Ein wichtiger nächster Schritt im sportlichen Bereich ist es, das Athletiktraining ab der Flag Jugend bis hin zur GFL zu professionalisieren und eine verbesserte Trainingsplatz-Verfügbarkeit zu schaffen. Natürlich arbeiten wir weiter daran, unsere wirtschaftliche Basis weiter zu verbessern, um unseren breiten und talentierten deutschen Kader mit einzelnen amerikanischen Profispielern vervollständigen zu können. Insgesamt muss es das zukünftige Ziel sein, unseren Spielern eine optimale Basis für individuelle Entwicklung und Verbesserung zu schaffen. Die kontinuierliche Verbesserung der entsprechenden wirtschaftlichen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen sehe ich als unsere wichtigste Aufgabe an.